Donnas Schreibprojekt Januar
Januar 16, 2010 1:00 pm GeschichtenMein Beitrag zu Donnas Schreibprojekt Janaur 2010
Ein richtiges Januargefühl wollte sich nicht einstellen in diesem Jahr. Eigentlich hatte sie es auch nicht erwartet, nicht nach all dem unfassbaren was geschehen war.
Nichts würde mehr sein wie es mal war, nie wieder. Die junge Leute würden sich mit der neuen Situation auseinandersetzen, sie irgendwie akzeptieren, sich arrangieren, das Beste draus machen, irgendwann, irgendwie. Aber für die älteren Leute, zu denen sie ja auch gehörte, war es schwieriger. Man war nicht mehr so spontan, nicht bereit so schnell umzudenken, aufzugeben woran man so viele Jahre gearbeitet hatte, woran man all die Jahre geglaubt hatte.
Sie starrte auf das Regal quer gegenüber, schön waren die Farben, ja irgendwie wenn man die Augen auf unscharf stellte, dann sah das wirklich gut aus. Vielleicht sollte man ganz allgemein die Augen auf unscharf stellen, dachte sie weiter, vielleicht würde dann alles viel schöner aussehen, oder hatte man genau dies getan, schon viel zu lange.
Während sie versuchte das Regal mit allen möglichen Tricks schön aussehen zu lassen, wanderten ihre Gedanken weiter, zurück in eine Zeit als sie sich noch vormachen konnte, alles sei in Ordnung. Nein nichts war in Ordnung und wir wussten das, dachte sie weiter, aber jeder dachte, dass alles noch zu retten war, irgendwie, irgendwann, von irgendwem.
Nur, der grosse Retter war nicht gekommen. Einige hatten sich zwar als Retter angeboten, vielleicht wären einige auch wirkliche Retter gewesen, aber denen, denen man vertraut hatte, die waren es nicht.
Sie streckte sich ein bisschen auf ihrem Stuhl, ganz oben auf dem Regal stand eine gelbe Dose, die würde da unten neben den grünen Dosen viel besser zur Geltung kommen. Ob es sich überhaupt lohnte, ob sich die Mühe lohnte, die Dose umzustellen? Viel einfacher wäre es doch, sitzen zu bleiben und die Augen einfach weiter auf unscharf zu stellen. Das Regal würde schön aussehen, so wie sie es gerne sehen wollte, nicht so wie es in Wirklichkeit war, aber so wie sie es gerne sehen wollte.
War es wirklich erst ein Jahr her, seit sie sich voller Optimismus auf ein neues, auf ein gutes Jahr gefreut hatte, als ihr dieses seit Jahren vertraute Januargefühl vorgemacht hatte, dies sei eine weiter Chance, ein weiterer Anfang. Es war kein Anfang gewesen, es war nicht mal mehr der Anfang vom Ende gewesen. Wenn sie jetzt zurückdachte wusste sie, es war damals bereits das Ende vom Ende gewesen.
Man hatte Gefahren erkannt, die grösste Gefahr aber hatte man übersehen. Man hatte sich mit den beliebten “nicht mir”, “nicht hier”, “nicht jetzt” Gedanken vorgemacht, dass es wenn schon, ganz weit weg passieren würde. Irgendwo auf der anderen Seite der Erde.
Wir sind eines besseren belehrt worden, dachte sie, an diesem 1. Januar als die Erde erbebte, als sich der Himmel verdunkelte mitten am Tag, als die Welt unterzugehen schien.
Sie stand auf, nahm die gelbe Dose in die Hand und stellte sie zwischen die grünen Dosen.
Sie wollte nicht länger die Augen auf unscharf stellen, nein sie hatte sich entschieden, sie wollte die Wirklichkeit sehen, sie verändern, und wenn es auch nur die Wirklichkeit ihrer eigenen kleinen Welt war, die einzige die ihr noch geblieben war. Vielleicht war es ja doch noch nicht zu spät, vielleicht war es wirklich so, dass es nie zu spät war.
Aber jetzt hatte sie erst mal viel Zeit zum nachdenken.
Und vielleicht, ja vielleicht würde später, viel später alles besser werden. Die Hoffnung, dass der Mensch aus Fehlern vielleicht doch lernen könnte, gab ihr Mut, auch wenn sie wusste, dass dieses “viel später” für sie vermutlich nie kommen würde.






















april :
Date: Januar 16, 2010 @ 1:34 pm
Hast du die Geschichte ‘vorher’ geschrieben, vor ‘Haiti’?? Mir gefällt, wie du am Anfang ihre Gedanken schilderst und man als Leser überlegt, was wohl passiert sein könnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man irgendwann die Kraft verliert, wieder neu anzufangen (wenn es nicht das erste Mal ist). Dabei hat sie es wohl noch gut, dass sie und ihre Familie mit dem Leben davongekommen sind und anscheinend sogar noch ihr Zuhause bewohnen können.
Brigitte :
Date: Januar 16, 2010 @ 1:37 pm
@April: Ja ich hab die Geschichte schon “vorher” geschrieben, vor dem schlimmen Erdbeben. Die Geschichte ist schon mindestens 2 Wochen alt
Follygirl :
Date: Januar 16, 2010 @ 1:45 pm
Oh,- hat mir gefallen, sehr ungewöhnlich, aber gut geschrieben.
Jetzt ja leider aktueller, als Du es wohl gedacht hattest.
Liebe Grüße, Petra
Brigitte :
Date: Januar 16, 2010 @ 1:49 pm
@Petra: Ja leider stimmt das, so war das eigentlich nicht gedacht.
Ich hatte mir auch überlegt, ob es jetzt etwas unpassend sein könnte, ob ich die Geschichte wieder rausnehmen und eine andere schreiben sollte. Aber schlussendlich entschied ich: es ist meine Geschichte, die ich schon “vorher” geschrieben hatte, sie war schon vorgebloggt, also blieb sie
Liebe Grüsse
Brigitte
Quer :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:01 pm
Da scheint ja wirklich Grundlegendes aus dem Lot geraten zu sein. Eine ziemlich auswegslose Situation, wie es scheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Ereignis, wie du es andeutest, jemanden nachhaltig lähmt…
Gruss, Brigitte
Chinomso :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:20 pm
Die Geschichte lässt Platz für jede Art von schwerer Katastrophe. Es kann so eine sein, wie jetzt auf Haiti, muss aber nicht.
Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt und vieles offen lässt. Aber gut ist, dass sie trotz aller Zweifel dann zum Weitermachen auffordert. Nicht den Kopf in den Sand stecken.
Gut gelöst.
Brigitte :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:24 pm
@Brigitte: ja manchmal wird man gezwungenermassen “gelähmt”
@Chinomso: nein, an ein Erdbeben hatte ich dabei wirklich nicht gedacht. In die Zukunft blicken kann ich nicht …
Donna :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:38 pm
Das ist ein Anfang, die gelbe Dose zwischen die grünen zu stellen und sehen zu wollen.
Dir ist da eine Geschichte gelungen, die sehr nachdenklich stimmt. Du spielst ganz wunderbar mit Nähe und Distanz, das gefällt mir ausnehmend gut.
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende - Donna
Jouir la vie :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:47 pm
Egal, wie es auch immer ausgeht, eine sehr lesenswerte Story mit viel Raum für Fantasie…
Sei lieb gegrüßt
Kvelli
Eva :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:52 pm
Eine Geschichte zum Nachdenken …
Hat mich berührt
Sehr gut geschrieben
Danke dafür ….
Eva
Brigitte :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:53 pm
@Donna und Kvelli:
Danke für die lieben Worte. Ich freu mich sehr, wenn meine Geschichte gefällt
Brigitte :
Date: Januar 16, 2010 @ 2:55 pm
@Eva: Vielen Dank, ich freu mich wenn dir meine Geschichte gefallen hat.
Bisschen nachdenklich soll sie schon machen … ja
Gwen :
Date: Januar 16, 2010 @ 10:45 pm
gut geschrieben, gefällt mir..
Coco :
Date: Januar 16, 2010 @ 10:52 pm
Bei diesem Text kommt man ganz schön ins Nachdenken, wunderbar geschrieben, ich lese Deine Schreibprojekte total gerne.
Liebe Grüße, Coco
Brigitte :
Date: Januar 17, 2010 @ 1:23 am
@Gwen und Coco: Vielen Dank, freut mich dass euch die Geschichte gefällt.
Jorge D.R. :
Date: Januar 17, 2010 @ 8:09 am
Hat mich sehr nachdenklich gestimmt, was da alles schief läuft. Und viel Raum für eigene Gedanken bleibt auch. Gut geschrieben, Brigitte.
Liebe Grüße
Jorge D.R.
Brigitte :
Date: Januar 17, 2010 @ 1:21 pm
@ Jorge: Vielen Dank
Ocean :
Date: Januar 17, 2010 @ 7:27 pm
Guten Abend, liebe Brigitte,
wow .. eine sehr beeindruckende und intensiv geschriebene Geschichte. Mein erster Gedanke war, daß du das Danach einer Atomexplosion beschreibst, und dass die Frau in einem Schutzkeller sitzt ..
wirklich sehr gut und nachdenklich machend! nein - auch wenn Augen unscharf stellen einfacher ist - auf Dauer ist es nicht gut, verändern ist besser, denn auch im Kleinen kann man was erreichen.
Du strickst auch?? super
ich wünsch dir ganz viel Spass dabei! Im Keller bei mir warten schon zig Knäuels dunkelrote Wolle für einen Pullover, aber noch trau ich mich da nicht ran, wegen dem ganzen Zu- und Abnehmen und so *g* aber das wird schon noch.
Viele liebe Grüße an dich
Ocean
spini :
Date: Januar 18, 2010 @ 1:14 am
liebe brigitte,
während ich es las, dachte ich immer “wann geschieht es” “war kommt jetzt”
lese ich die anderen kommentare, bin ich die einzige die nicht rausbekam um was es eigentlich ging.
sicher nicht darum wo die gelbe dose am besten hinpasst!.
dadurch, das ich während des lesens immer denken mußte…
war das lesen irgendwie lang…
ich meine damit nicht langweilg, nein… nur eben lang.
ich hoffe du nimst es nicht übel das ich so offen schreibe!
lieben gruß in den süden
spini
Brigitte :
Date: Januar 18, 2010 @ 1:34 am
@Ocean: das war genau das woran ich beim schreiben auch gedacht hatte. Die Gefahr ist da, auch wenn wir sie nicht sehen wollen … zumindest nich sehen wollen, dass dies überall passieren könnte
Brigitte :
Date: Januar 18, 2010 @ 1:36 am
@Spini: ich nehm dir nichts übel, jeder darf doch seine Meinung haben und diese auch äussern.
Ich meine, eine Geschichte die allen gefällt, die kann man doch gar nicht schreiben, oder?
Katinka :
Date: Januar 18, 2010 @ 11:06 am
Die Geschichte gefällt mir sehr gut, sie ist sehr einfühlsam geschrieben und regt zum Nachdenken an…..
Elke :
Date: Januar 19, 2010 @ 11:55 am
Hallo Brigitte,
deine Geschichte lässt sehr viel offen, obwohl am Schluss klar wird, dass eine wie auch immer geartete (Natur-)katastrophe passiert sein muss. Erdbeben schreibst du, aber der Atompilz könnte auch eine andere Deutung zulassen. Wäre deine Story Teil eines Großen und Ganzen, dann würde sie mir gefallen. Für sich alleine stehend finde ich sie nicht so prickelnd. Aber immerhin hast du im Gegensatz zu mir aus dem fehlenden Januargefühl was gemacht. Mir ist dazu überhaupt nichts eingefallen.
Lieben Gruß
Elke
NicoleB Egypt :
Date: Januar 19, 2010 @ 10:28 pm
Traurig mit etwas Hoffnung und leider sowas von wahr.